{"id":2541,"date":"2019-01-23T16:02:08","date_gmt":"2019-01-23T15:02:08","guid":{"rendered":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/information\/literatur\/die-sache-der-linkshaender-zu-beginn-des-neuen-jahrtausends\/"},"modified":"2019-05-04T11:14:50","modified_gmt":"2019-05-04T09:14:50","slug":"die-sache-der-linkshaender-zu-beginn-des-neuen-jahrtausends","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/information\/literatur\/die-sache-der-linkshaender-zu-beginn-des-neuen-jahrtausends\/","title":{"rendered":"Die Sache der Linksh\u00e4nder zu Beginn des neuen Jahrtausends"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"font-size: 18pt\">Die Sache der Linksh\u00e4nder zu Beginn des neuen Jahrtausends &#8211; <\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 18pt\">ein R\u00fcckblick in die Geschichte der Linksh\u00e4nder und ein Ausblick wie es vielleicht weitergeht<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\">Dr. Johanna Barbara Sattler<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 14pt\">Vortrag auf der 2. Fachtagung und Austauschtreffen f\u00fcr Linksh\u00e4nder-Initiativen, Beratungsstellen und Therapeuten in Bensberg am 30. September 2000<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Die Jahrtausendwende liegt nun schon einige Zeit hinter uns, wir haben uns an das neue Datum mehr oder weniger gew\u00f6hnt und manchmal kommt es mir so vor, als sei alles was mit 19hundert beginnt &#8211; selbst 1990, 1995 oder 1999 &#8211; schon sehr weit weg, als geh\u00f6ren diese Daten nicht mehr zu unserem Jahrhundert.<\/p>\n<p>Aber das alles sind nat\u00fcrlich willk\u00fcrliche Festlegungen, die wir Menschen gemacht haben, um uns Strukturen zu geben, und die f\u00fcr uns auch ihre Berechtigungen haben.<\/p>\n<p>Als kleines Kind war ich intuitiv lange Zeit davon \u00fcberzeugt, dass am Sonntag immer die Sonne scheinen w\u00fcrde &#8211; ich habe den Namen mit dem Tag identifiziert und nat\u00fcrlich das haupts\u00e4chlich dann registriert, wenn die Sonne auch geschienen hat. Auch die Verbindung unserer Sonntagsruhe damit, dass viele Menschen nicht zur Arbeit gehen und so den Tag als etwas Besonderes ansehen, ist eine von Menschen f\u00fcr Menschen gesetzte Norm. Tieren ist unser Sonntag ziemlich gleichg\u00fcltig.<\/p>\n<p>Den gl\u00e4ubigen Juden ist der Sabbat, der Samstag, heilig und den Arabern der Freitag und wir, die den Sonntag als unseren Ruhetag feiern, bemerken auch keinen Unterschied am Samstag oder am Freitag, au\u00dfer wir leben mit praktizierenden Juden bzw. Arabern zusammen.<\/p>\n<p>Insofern ist die Frage, ob f\u00fcr die Linksh\u00e4ndigkeit unser Jahrtausend etwas Neues bedeutet, eine rein theoretische Frage. Mit der Jahrtausendwende hat sich automatisch nichts f\u00fcr die Linksh\u00e4nder ge\u00e4ndert, weder im Positiven noch im Negativen.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Linksh\u00e4ndigkeit und die eigenartig untergeordnete bis negative Rolle, die Linksh\u00e4nder lange Zeit spielten, gehen weit zur\u00fcck und sind mit unseren heutigen historischen und naturwissenschaftlichen Methoden und Mitteln in ihren Anf\u00e4ngen kaum nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Wir kennen H\u00f6hlenmalereien, auf denen es linksh\u00e4ndige Sch\u00fctzen und Speerwerfer gibt.<\/p>\n<p>Altertumsforscher und Arch\u00e4ologen meinen, dass in der Steinzeit ein Linksh\u00e4nderanteil von 50 Prozent in der Bev\u00f6lkerung zu finden gewesen sei, entsprechend der Formen von Steinkeilen und ihrer Abnutzung. In gewisser Weise schlie\u00dft sich hier vielleicht doch etwas ein Kreis zu heute, wo wir auch von einem weit h\u00f6heren Linksh\u00e4nderanteil als in den zwischenzeitlichen Jahrtausenden ausgehen, in denen Linksh\u00e4ndigkeit keine oder kaum eine Fragestellung war.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\"><b>Linksh\u00e4ndigkeit bei den Israeliten im Alten Testament<br \/>\n<\/b><\/span>In der Bibel werden in dem &#8222;Buch der Richter&#8220;, das fr\u00fche Traditionen verarbeitet (12.\/11. Jh. v. Chr.), Linksh\u00e4nder an zwei Stellen erw\u00e4hnt. Es handelt sich in beiden F\u00e4llen um den au\u00dferordentlich geschickten Gebrauch der Waffen mit der linken Hand.<\/p>\n<p>Linksh\u00e4ndigkeit scheint demnach damals schon eine Ausnahmeerscheinung gewesen zu sein, sonst w\u00e4re die spezielle Hervorhebung nicht verst\u00e4ndlich (Quelle: Sattler, <a href=\"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/information\/literatur\/links-und-rechts-in-der-wahrnehmung-des-menschen\/\">Links und Rechts in der Wahrnehmung des Menschen. Zur Geschichte der Linksh\u00e4ndigkeit<\/a>, 2000, S. 228).<\/p>\n<p>Aus verschiedenen Bibelstellen geht hervor, dass die rechte Hand bei den Israeliten als die st\u00e4rkere, aktivere galt. Man sucht Schutz an Gottes Rechter, der Segen mit der rechten Hand ist der wertvollere.<\/p>\n<p>Rechtsh\u00e4ndigkeit scheint also bereits in dieser Zeit die Norm, das Erziehungsziel gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Im alten Testament, wird im Hebr\u00e4ischen f\u00fcr linksh\u00e4ndig ein Begriff benutzt, der sich durch eine ungeschickte (&#8222;lahme&#8220;, &#8222;gehemmte&#8220;) Rechte definierte, das bedeutet aber nicht, dass die so Bezeichneten in dem biblischen Zusammenhang abgewertet wurden, im Gegenteil, h\u00e4ufig wird die Geschicklichkeit der Linksh\u00e4nder gelobt (<a href=\"http:\/\/www.lefthander-consulting.org\/deutsch\/WahrnehmungBuch.htm\">Links und Rechts in der Wahrnehmung des Menschen. Zur Geschichte der Linksh\u00e4ndigkeit<\/a>, 2000, S. 51).<\/p>\n<p>Allerdings war das mehr ein Ausdruck, wie wir ihn auch kennen, z.B. bei &#8222;linkisch&#8220;, mit der Bedeutung von ungeschickt, wo wir normalerweise auch nicht sofort an Linksh\u00e4nder denken.<\/p>\n<p>Linksh\u00e4ndigkeit wurde also im Alten Testament als eine Eigenschaft genannt, die jemanden nicht automatisch abwertete.<\/p>\n<p>Jedoch war Linksh\u00e4ndigkeit etwas, das bei einer Person als Eigenart zu erw\u00e4hnen war, wie z.B. die besondere Gr\u00f6\u00dfe u.\u00e4.<\/p>\n<ul>\n<li>Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es zu keiner eindeutig moralisch bewertenden Beurteilung der Seiten im Alten Testament kommt. Rechts wird zwar bei vielen Handlungen bevorzugt genannt, doch beweist schon die Tatsache, dass die linke Hand auch zum Segnen gebraucht werden darf, dass keine \u00c4chtung dieser Seite vorliegt (<a href=\"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/information\/literatur\/links-und-rechts-in-der-wahrnehmung-des-menschen\/\">Links und Rechts in der Wahrnehmung des Menschen. Zur Geschichte der Linksh\u00e4ndigkeit<\/a><u>,<\/u> 2000, S. 52).<\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\"><b>Links und Rechts bei den Griechen<br \/>\n<\/b><\/span>Schon Homer (um 750 v. Chr.) hebt die Beidh\u00e4ndigkeit eines Helden als etwas Besonderes hervor:<\/p>\n<p>&#8222;&#8230; allein zwei Lanzen zugleich warf Asteropaios, der Held, der rechts mit jeglicher Hand war. &#8220; (Homer, Ilias XXI, 163)<\/p>\n<p>Interessant ist der Ausdruck &#8222;rechts mit jeglicher Hand&#8220;, d.h. Homer gebraucht rechts in dem \u00fcbertragenen Sinn von &#8222;geschickt&#8220;.<\/p>\n<p>Von den Skythen berichtet Platon die F\u00e4higkeit der Beidh\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>Platon \u00fcbermittelt uns die wertvolle Information von der damaligen Auffassung, dass der bevorzugte Gebrauch der rechten Hand auf den Einfluss der Kinderm\u00e4gde und M\u00fctter zur\u00fcckzuf\u00fchren sei:<\/p>\n<p>&#8222;Was aber den Gebrauch der H\u00e4nde anlangt, so ist es dem Unverstand der W\u00e4rterinnen und M\u00fctter zuzuschreiben, dass wir da alle gleichsam hinkende Gesch\u00f6pfe geworden sind. Denn ungeachtet der nat\u00fcrlichen Gleichwertigkeit dieser Gliedma\u00dfen auf beiden Seiten haben wir sie doch durch gewohnheitsm\u00e4\u00dfig falschen Gebrauch verschieden gemacht.&#8220; (Platon, Gesetze, VII. Buch, 794 d ff.)<\/p>\n<p>Platon pl\u00e4diert aus dem seiner Meinung nach praktischen Grund der gr\u00f6\u00dferen Geschicklichkeit f\u00fcr eine Erziehung zur Beidh\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>Anders ist das bei Aristoteles: Er h\u00e4lt die \u00dcberlegenheit der rechten Hand als von Natur aus gegeben.<\/p>\n<p>&#8222;Die rechte Hand ist z. B. von Natur st\u00e4rker, und doch kann es Menschen geben, die beide H\u00e4nde gleich gut<br \/>\ngebrauchen.&#8220; (Aristoteles, Nikomachische Ethik)<\/p>\n<p>Zur Zeit von Platon und Aristoteles kannten die Griechen keinen Ausdruck f\u00fcr &#8222;linksh\u00e4ndig&#8220;.<\/p>\n<p>Das altgriechische Wort &#8222;aristeros&#8220; (aristeroz) f\u00fcr &#8222;links&#8220; kommt von &#8222;aristos&#8220; (aristoz) der &#8222;Beste&#8220; und ist als Euphemismus, als eine verh\u00fcllende und besch\u00f6nigende Bezeichnung zu verstehen, weil links eigentlich so viel wie ungl\u00fcckbedeutend war.<\/p>\n<p>Auf die Griechen geht der Glaube daran zur\u00fcck, dass Links mit Negativem und Schlechtem verbunden sei. Bei dem sogenannten Auspizium, der Zukunftsvoraussage, z.B. durch die Flugrichtung der V\u00f6gel oder die Eingeweidenschau, bedeutete links Negatives, Unheil und Ungl\u00fcck.<\/p>\n<p>Verschiedene Theorien wurden daf\u00fcr in der Wissenschaft zitiert und diskutiert.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\"><b>Die Himmelsrichtungen verbinden ihre Bedeutung mit Links und Rechts<br \/>\n<\/b><\/span>Besondere Bedeutung kam den Himmelsrichtungen, den Mythen und dem Sonnenauf- und -untergang zu und damit verbundenen Bestimmungen von links und rechts.<\/p>\n<p>Wenn die Griechen nach Norden schauten, so war rechts Osten, der Sonnenaufgang, links der Sonnenuntergang und die Unterwelt.<\/p>\n<p>Warum sie allerdings nach Norden schauten und nicht nach S\u00fcden, war wohl mit dem Berg Olymp im Norden Griechenlands begr\u00fcndet und mit Feinden, die sie von dort erwarteten.<\/p>\n<p>Im Christentum orientierte man sich nach Osten, nach Jerusalem, auch nach dem Sonnenaufgang.<\/p>\n<p>&#8222;Die Christen lehrten, der Westen sei die nat\u00fcrliche Heimat der &#8222;D\u00e4monen&#8220;. Der Bruce-Papyrus (Gnostisches Manuskript des 2. Jh.) beschrieb, wie Jesus seinen J\u00fcngern die magischen Worte enth\u00fcllte, mit denen die b\u00f6sen Archoten gezwungen wurden, &#8222;nach Westen zu fliehen, zur linken Hand&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn die griechische, orthodoxe Kirche Bekehrte taufte, so &#8222;richtete sie ihr Gesicht zuerst nach Westen, um dem Teufel zu entsagen, und dann nach Osten, um ihren Bund mit Jesus zu schlie\u00dfen&#8220;.<\/p>\n<p>Als Jan Hus im Jahre 1415 in Konstanz wegen Ketzerei verbrannt wurde, wurde er zuerst so an den Pfahl gebunden, dass er nach Osten schaute; aber der Irrtum wurde beizeiten bemerkt, und Hus wurde so gedreht, dass er nach Westen schaute, also in die Richtung, die &#8222;einem Ketzer&#8220; anstand.&#8220; (Das geheime Wissen der Frauen. Lexikon von Barbara Walker, S. 619)<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\"><b>Unkenntnis von Links und Rechts bei Urv\u00f6lkern<br \/>\n<\/b><\/span>Interessanterweise gibt es V\u00f6lker, die links und rechts nicht kennen, sondern sich ausschlie\u00dflich an den Himmelsrichtungen orientieren.<\/p>\n<p>Zu diesen V\u00f6lkern geh\u00f6ren kleine Volksgruppen der Ureinwohner Australiens, S\u00fcdindiens, Nepals, Papuas, Neu-Guineas, S\u00fcdafrikas, Mexikos und Ozeaniens. Ihre Sprachen sind vom Aussterben bedroht.<\/p>\n<p>In Nordaustralien leben in einem Reservat noch etwa 1000 Ureinwohner (Guugu Yimithirr). Ihre Sprache ordnet &#8222;alles R\u00e4umliche nach absoluten Koordinaten, n\u00e4mlich der vier Himmelsrichtungen.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr rechts und links haben sie kein Wort, darum liegt ein Messer nicht rechts vom Teller, sondern \u00f6stlich oder s\u00fcdlich &#8211; je nach Lage des Hauses. Ein Taschentuch, das eben noch in der s\u00fcdlichen Tasche war, ver\u00e4ndert seine Lage, wenn sich die Person auf einen anderen Stuhl setzt &#8211; nun steckt es in der westlichen Tasche.<\/p>\n<p>Diese Sprache setzt voraus, dass ich bei jeder Drehung im Raum registriere, um wieviel Winkelgrade ich mich jetzt bewegt habe. Und ich muss st\u00e4ndig \u00fcberpr\u00fcfen, wie sich mein Gegen\u00fcber im Raum bewegt. Dank dieser verbl\u00fcffenden F\u00e4higkeit k\u00f6nnen sich diese Menschen auch niemals verirren. Auf Reisen wissen sie zu jeder Zeit und an jedem Ort, wo Nord oder S\u00fcd ist. Dies wurde auch wissenschaftlich untersucht und trotz zerkl\u00fcfteter Landschaft in Australien irrten sie sich kaum. In den Niederlanden funktionierte das aber nicht mehr, sie irrten sich um etwa 90 Grad. (Kosmos 9\/95, S. 39\/40)<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\"><b>Zur\u00fcck zu den Christen<br \/>\n<\/b><\/span>In dem griechischen Pythagoreismus und in dem Manich\u00e4ismus des Persers Mani, wurde eine dualistische moralische Weltauffassung verk\u00fcndet, die dann durch Auseinandersetzung mit dem Manich\u00e4ismus f\u00fcr das Christentum bestimmend wurde.<\/p>\n<p>Das einfache dualistische Weltbild des Manich\u00e4ismus, das dem christlichen Glauben an den dreieinigen Gott gegen\u00fcberstand, wurde von dem Christentum hart bek\u00e4mpft. Bis ins Mittelalter flackerte der Manich\u00e4ismus immer wieder auf und gerade bei den ungebildeten Laienbr\u00fcdern wurde der Manich\u00e4ismus aufgenommen, von der Kirche aber als her\u00e4tisch, ketzerisch hart verfolgt.<\/p>\n<p>Trotzallem fand dieser Manich\u00e4ismus Eingang in die Liturgie &#8211; u.a. durch den Kirchenvater, den Heiligen Augustinus &#8211; und beeinflusste religi\u00f6se Zeremonien und die christliche Kunst.<\/p>\n<p>Aphoristische Beispiele:<\/p>\n<p>Zeremonien: Die Anzahl der Stufen war zum Beispiel am Altar so abgez\u00e4hlt, dass man mit dem rechten Fu\u00df anfing und mit rechts ankam.<\/p>\n<p>Kunst: Links und Rechts spielten in Darstellungen des J\u00fcngsten Gerichts im Mittelalter in ganz Europa eine gro\u00dfe Rolle (<a href=\"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/information\/literatur\/links-und-rechts-in-der-wahrnehmung-des-menschen\/\">Links und Rechts in der Wahrnehmung des Menschen. Zur Geschichte der Linksh\u00e4ndigkeit<\/a>, 2000, S. 208 ff.)<\/p>\n<p>Aberglauben: Hexen sollen sich mit links bekreuzigt haben, ein Beweis f\u00fcr ihre Ketzerei.<\/p>\n<p>Eigentlich passt dieses einfache, moralisch bewertende Weltbild des Manich\u00e4ismus von Gut und B\u00f6se, Hell und Dunkel, Links und Rechts sehr gut zu der eigenartigen Abwertung der Linksh\u00e4nder, die diese gegen\u00fcber den Rechtsh\u00e4ndern \u00fcber Jahrhunderte bis heute erfahren haben und erfahren.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\"><b>Die Wahrnehmungsrichtung von links nach rechts<br \/>\n<\/b><\/span>Fr\u00fche Schriften wechseln in ihrer Richtung und haben sich erst im Laufe der Zeit festgelegt.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt eine h\u00e4ufige Linksl\u00e4ufigkeit in alten Schriften auf (fr\u00fcheste griechische Schrift, semitische Schriften), d.h. eine Richtung, die f\u00fcr einen linksh\u00e4ndigen Schreiber geeigneter ist. Es f\u00e4llt aber auch die Indifferenz einiger Schriften bez\u00fcglich ihrer Richtung auf (fr\u00fche Runen, Hieroglyphenschrift der Hethiter, dorischer Dialekt auf Kreta) (<a href=\"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/information\/literatur\/links-und-rechts-in-der-wahrnehmung-des-menschen\/\">Links und Rechts in der Wahrnehmung des Menschen. Zur Geschichte der Linksh\u00e4ndigkeit<\/a>, 2000, S. 236).<\/p>\n<p>Ein interessantes Beispiel findet man in Kreta aus der Zeit um 500 v. Chr. Diese Schrift verl\u00e4uft in der so genannten ,ordo bustrophedicus\u2018 (boustrojhd?n, d.h. so, wie der Ochse die Furche zieht). Man beginnt rechts oben zu lesen nach links und liest in der darunter liegenden Zeile weiter von links zur\u00fcck nach rechts. In jeder zweiten Zeile erscheinen die Buchstaben spiegelbildlich.<\/p>\n<p>Die Richtung unserer Schrift in Europa von links nach rechts ist<\/p>\n<ul>\n<li>g\u00fcnstiger f\u00fcr Rechtsh\u00e4nder und<\/li>\n<li>entspricht wahrnehmungspsychologisch mehr der Art wie Rechtsh\u00e4nder auffassen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Unsere Schrift ist deswegen f\u00fcr Linksh\u00e4nder schwieriger als f\u00fcr Rechtsh\u00e4nder.<\/p>\n<p>Die Behauptung, Bewegungen in Kunstwerken von links nach rechts w\u00fcrden Gl\u00fcck bedeuten und umgekehrte Bewegungen Ungl\u00fcck, stimmt nicht mit der Wahrnehmung aller Menschen \u00fcberein. Gerade Linksh\u00e4nder bilden oft eine Ausnahme, was ich bei kleinen Experimenten in Seminaren oft festgestellt habe.<\/p>\n<p>In Werbung durch Bild und Film wird weit h\u00e4ufiger mit diesen unterschiedlichen Richtungen der visuellen Wahrnehmung gearbeitet, wahrscheinlich oft ohne dass sich die K\u00fcnstler dessen bewusst sind, d.b. ohne dies direkt zu reflektieren.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\"><b>Tiefpunkte f\u00fcr Linksh\u00e4nder waren:<\/b><\/span><\/p>\n<ul>\n<li>die allgemeine Schulpflicht<\/li>\n<li>die Industrialisierung<\/li>\n<li>das Milit\u00e4r<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Liberalisierung in der Erziehung war dann auch eine Chance f\u00fcr die Linksh\u00e4nder.<\/p>\n<p>Jedoch gab es in der Geschichte nie eine wirkliche Bewegung der Linksh\u00e4nder.<\/p>\n<p>Die Beidh\u00e4nderbewegung hingegen entstand eher durch eine Idealisierung der Symmetrie, aber weder die Natur ist wirklich symmetrisch noch der Mensch. Auch die Kunst ist meist nicht symmetrisch, abgesehen von der Architektur.<\/p>\n<p>In der Asymmetrie liegt die Chance der Entwicklung und in ihr liegt ein besonderer Reiz.<\/p>\n<p>Die \u00dcberwindung der Idealisierung der Symmetrie, der Beidh\u00e4ndigkeit in Vorstellungen z.B. von Platon, hat allerdings wieder zu einer Idealisierung der Rechtsh\u00e4nder gef\u00fchrt und vielleicht ist durch das erneute Streben zur Beidh\u00e4ndigkeit, zu einer Symmetrie, Anfang des 20. Jahrhunderts, paradoxer Weise auch eine Chance f\u00fcr Linksh\u00e4nder entstanden.<\/p>\n<p>Die Erkenntnis, dass Beidh\u00e4ndigkeit ein Merkmal einer zerebralen Irritation ist und nicht Ziel der Evolution, hat insbesondere f\u00fcr linksh\u00e4ndige Kinder eine Befreiung ergeben: Linksh\u00e4ndige Kinder wurden langsam als normal wahrgenommen und die zerebral irritierten Kinder mit wechselndem Handgebrauch bekamen therapeutische Chancen (Sattler, <a href=\"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/information\/literatur\/der-umgeschulte-linkshaender-oder-der-knoten-im-gehirn\/\">Der umgeschulte Linksh\u00e4nder oder Der Knoten im Gehirn<\/a>, S. 247-267, S. 342, S. 350-356 und <a href=\"http:\/\/www.lefthander-consulting.org\/deutsch\/Fragen.htm\">H\u00e4ufig gestellte Fragen<\/a>).<\/p>\n<p>Aber es f\u00e4llt auf, dass Kinder mit Geburtstraumen und oft auch Kinder, deren Geburt eingeleitet wurde, zu Irritationen in der H\u00e4ndigkeit und auch der \u00c4ugigkeit und Ohrigkeit neigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\"><b>Die Arbeit der letzten Jahre<br \/>\n<\/b><\/span>Im deutschsprachigen Raum wurde in den letzten 15 Jahren eine zielgerichtete Arbeit durchgef\u00fchrt:<\/p>\n<ul>\n<li>diese war keine zuf\u00e4llige Zeitstr\u00f6mung,<\/li>\n<li>keine logische Entwicklung<\/li>\n<li>sondern harte Arbeit mit R\u00fcckschl\u00e4gen, Entbehrungen und Leid,<\/li>\n<li>eine Arbeit, an der Sie alle, meine sehr geehrten Zuh\u00f6rer, beteiligt sind und mitwirken<\/li>\n<li>und eine Arbeit, die jedoch manchmal auch Freude macht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Jeder von Ihnen, wage ich zu behaupten, ist einmal oder mehrmals damit konfrontiert worden, dass es noch \u00fcberhaupt nicht selbstverst\u00e4ndlich ist, dass Linksh\u00e4ndigkeit bei Kindern als normal wahrgenommen wird, obgleich sich die \u00f6ffentliche Meinung dahingehend ge\u00e4ndert zu haben scheint.<\/p>\n<p>Es besteht immer wieder die Gefahr, dass Linksh\u00e4nder in die Ecke der Abnormalit\u00e4t, Krankheit und St\u00f6rungen abgedr\u00e4ngt werden (siehe z.B. der Bericht in der Abendzeitung, M\u00fcnchen, \u00fcber Diskussionen in den USA, &#8222;Linksh\u00e4nder: Genie und Wahnsinn&#8220; am 18.5.2000).<\/p>\n<p>Extreme, etwas aus dem Ruder laufende Aktionen mancher Engagierter in Deutschland, die versuchen durchzusetzen, dass sich m\u00f6glichst alle umgeschulten Linksh\u00e4nder zur\u00fcckschulen sollten, werfen manchmal Probleme auf; jedoch unterst\u00fctzen sie die Befreiung der Linksh\u00e4nder von Vorurteilen und pl\u00e4dieren f\u00fcr Gleichwertigkeit und Akzeptanz.<\/p>\n<p>Gefahren solcher Positionen liegen vor allem in Reaktionen der Gesellschaft und sind haupts\u00e4chlich folgende:<\/p>\n<ul>\n<li>in die Ecke der Fanatiker, der \u00dcbertreiber und manchmal sogar der Esoteriker abgeschoben zu werden,<\/li>\n<li>gesundheitliche Risiken durch eine <a href=\"http:\/\/www.lefthander-consulting.org\/deutsch\/Rueckschulung.htm\">R\u00fcckschulung der H\u00e4ndigkeit<\/a> zu \u00fcbersehen und<\/li>\n<li>sich dadurch dem Vorwurf, der Scharlatanerie auszusetzen oder dem Vorwurf, der Sorgfaltspflicht nicht gerecht zu werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Solange diese Bem\u00fchungen aber auf Erwachsene gerichtet sind, kann man an deren F\u00e4higkeit appellieren, abzuw\u00e4gen und selbst\u00e4ndig f\u00fcr sich eine Entscheidung zu treffen. Bei Kindern ist die Situation ganz anders.<\/p>\n<p>Um den Gefahren, die aus solchen Haltungen in der Gesellschaft, in der Medizin, P\u00e4dagogik und Therapie entstehen k\u00f6nnen vorzubeugen, ist es notwendig, dass wir alle in unserer Arbeit mit und f\u00fcr Linksh\u00e4nder pr\u00e4zise beobachten, nachvollziehbar begr\u00fcnden und gleichzeitig verantwortungsvoll handeln.<\/p>\n<p>Nur so k\u00f6nnen wir die verschiedenen Berufsgruppen durch Argumente und Nachweise \u00fcberzeugen. Wir m\u00fcssen sie, wie es z.B. die Ergo- und Mototherapeuten ausdr\u00fccken, sozusagen dort abholen, wo die Vertreter einzelner Berufsgruppen gerade stehen und versuchen, unsere Beobachtungen und Erfahrungen mit ihnen gemeinsam weiter zu tragen und zu verbreiten.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt, dass wir neben vielen tagt\u00e4glichen Sorgen und Umwegen, das Ziel nicht aus den Augen verlieren und das ist,<\/p>\n<ul>\n<li>dass sich Linksh\u00e4nder frei und mit m\u00f6glichst gleichen Chancen entwickeln d\u00fcrfen und Arbeitgegebenheiten vorfinden wie Rechtsh\u00e4nder auch.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und in diesem Sinn, meine ich, sollten wir die Zukunft nutzen und f\u00fcr Links- und Rechtsh\u00e4nder evolution\u00e4re Entwicklungsm\u00f6glichkeiten schaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">\u00a9 Copyright Dr. Johanna Barbara Sattler, M\u00fcnchen<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sache der Linksh\u00e4nder zu Beginn des neuen Jahrtausends &#8211; ein R\u00fcckblick in die Geschichte der Linksh\u00e4nder und ein Ausblick wie es vielleicht weitergeht Dr. Johanna Barbara Sattler Vortrag auf der 2. Fachtagung und Austauschtreffen f\u00fcr Linksh\u00e4nder-Initiativen, Beratungsstellen und Therapeuten in Bensberg am 30. September 2000 Die Jahrtausendwende liegt nun schon einige Zeit hinter uns, wir haben uns an das neue Datum mehr oder weniger gew\u00f6hnt und manchmal kommt es mir so vor, als sei alles was mit 19hundert beginnt &#8211; selbst 1990, 1995 oder 1999 &#8211; schon sehr weit weg, als geh\u00f6ren diese Daten nicht mehr zu unserem Jahrhundert. Aber das alles sind nat\u00fcrlich willk\u00fcrliche Festlegungen, die wir Menschen gemacht haben, um uns Strukturen zu geben, und die f\u00fcr uns auch ihre Berechtigungen haben. Als kleines Kind war ich intuitiv lange Zeit davon \u00fcberzeugt, dass am Sonntag immer die Sonne scheinen w\u00fcrde &#8211; ich habe den Namen mit dem Tag identifiziert und nat\u00fcrlich &#8230; <a title=\"Die Sache der Linksh\u00e4nder zu Beginn des neuen Jahrtausends\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/information\/literatur\/die-sache-der-linkshaender-zu-beginn-des-neuen-jahrtausends\/\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Die Sache der Linksh\u00e4nder zu Beginn des neuen Jahrtausends\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"parent":41,"menu_order":12,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_cbd_carousel_blocks":"[]","footnotes":""},"class_list":["post-2541","page","type-page","status-publish"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2541"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2541\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5283,"href":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2541\/revisions\/5283"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/41"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}