{"id":2299,"date":"2019-01-18T10:53:33","date_gmt":"2019-01-18T09:53:33","guid":{"rendered":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/information\/musik-und-linkshaendigkeit\/quellen-und-literaturangaben-zu-musik-und-linkshaendigkeit\/rezention-konzert-fuer-die-linke-hand\/"},"modified":"2019-01-22T15:31:07","modified_gmt":"2019-01-22T14:31:07","slug":"rezention-konzert-fuer-die-linke-hand","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/information\/musik-und-linkshaendigkeit\/quellen-und-literaturangaben-zu-musik-und-linkshaendigkeit\/rezention-konzert-fuer-die-linke-hand\/","title":{"rendered":"Rezention: Konzert f\u00fcr die linke Hand"},"content":{"rendered":"<p><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2300 alignleft\" src=\"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lea-Singer-Konzert-fuer-die-linke-Hand-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"287\" srcset=\"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lea-Singer-Konzert-fuer-die-linke-Hand-188x300.jpg 188w, https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lea-Singer-Konzert-fuer-die-linke-Hand.jpg 393w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201e<\/em><em>Konzert f\u00fcr die linke Hand. Romanbiographie \u00fcber<br \/>\nPaul Wittgenstein (1887-1961)\u201c. Hamburg, Hoffmann und<br \/>\nCampe 2008 und M\u00fcnchen, Dt. Taschenbuch Verlag 2011<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lea Singer erz\u00e4hlt in ihrem Roman die Geschichte des einarmigen Pianisten Paul Carl Hermann Wittgenstein.<\/p>\n<p>Er wurde als achtes von insgesamt neun Kindern des Industriellen Karl und Leopoldine Wittgenstein in Wien geboren. Die Familie wurde auch als \u201edie Krupps der Habsburger Monarchie\u201c bezeichnet, die Anfang des 20. Jahrhunderts zu den reichsten und bedeutendsten Familien in \u00d6sterreich z\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Die Autorin gibt gut recherchiert Auskunft \u00fcber das kulturelle und politische Leben Wiens in der Zeit vor und zwischen den beiden Weltkriegen. Sie gew\u00e4hrt aber auch detailreichen Einblick in das gro\u00dfb\u00fcrgerliche Leben der Familie Wittgenstein, in der Geld keine Rolle spielt, sich jedoch die \u00fcberm\u00e4chtige und hartherzige Rolle des Vaters auf die Entwicklung der Kinder Wittgenstein derart auswirkt, dass sich drei S\u00f6hne das Leben nehmen.<\/p>\n<p>Paul ist das Kind, welches sich am meisten gegen das diktatorische Familiensystem auflehnt, hat aber w\u00e4hrend seines gesamten Lebens mit dessen emotionalen Auswirkungen zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Der Vater ist jedoch auch F\u00f6rderer und begeisterter Teilhaber des k\u00fcnstlerischen und kulturellen Lebens, schafft unter anderem Kontakte zu Pers\u00f6nlichkeiten wie Gustav Klimt, Richard Strau\u00df und Clara Schumann.<\/p>\n<p>So sehr ihn Musik auf hohem Niveau auch begeistert, er Paul eine erstklassige Ausbildung am Klavier auch gew\u00e4hrt, so tut er den Wunsch seines Sohnes Pianist zu werden jedoch als Marotte ab.<\/p>\n<p>\u201eIch will Pianist werden\u201c, sagt Paul. Karl Wittgenstein sah nicht von seinen Papieren auf. \u201eWarum willst du diesen Abend zerst\u00f6ren?\u201c&#8230; Paul war vorbereitet. \u201eIch will mein Leben nicht zerst\u00f6ren\u201c (S.76).<\/p>\n<p>Von diesem Vorhaben kommt er auch nicht ab, als er im ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verliert. Noch w\u00e4hrend seiner Gefangenschaft und seines Lazarettaufenthaltes beschlie\u00dft er seine Laufbahn als Pianist fortzusetzen. Die damit verbundenen Anstrengungen zweih\u00e4ndige St\u00fccke umzuschreiben oder Noten zu besorgen halten ihn keineswegs ab. So hat ihm sein Lehrer Leschetizky, bevor er in den Krieg zog, Kompositionen f\u00fcr die linke Hand geschenkt, die Liszt f\u00fcr einen Grafen, der bei einem Jagdunfall seinen rechten Arm verloren hatte, transkribiert hatte. \u201eWar das Zufall oder Ahnung gewesen?\u201c (S.178).<\/p>\n<p>Vielmehr verunsicherte ihn der Ausspruch einer Dame in Rotkreuz-Schwesterntracht, welche im Auftrag der Zarenmutter das Lazarett besuchte und von der Karriere des Paul Wittgenstein erfuhr.<\/p>\n<p>\u201e..traten der \u00e4lteren der beiden Damen Tr\u00e4nen in die Augen. Was f\u00fcr eine Trag\u00f6die, dass er auch noch den rechten, den wichtigeren Arm verloren habe. Erst k\u00fcrzlich habe sie bei Stekel und Flie\u00df gelesen, was Linksh\u00e4ndigkeit f\u00fcr verheerende Folgen zeitige, charakterlich und &#8211; sie z\u00f6gerte &#8211; sittlich. (\u2026) Er m\u00fcsse nun sehr, sehr tapfer und auch standhaft sein, gerade was die Versuchungen angehe, vom rechten Wege abzuweichen. Paul starrte sie verst\u00e4ndnislos an\u201c (S.180).<\/p>\n<p>\u201eVielleicht sei es ja nicht ganz so schlimm, sagte die t\u00e4tschelnde Samariterin, wenn man nicht als Linksh\u00e4nder geboren, sondern durch einen Schicksalsschlag dazu gemacht werde\u201c (S.180).<\/p>\n<p>Paul Wittgenstein l\u00e4sst sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, wie schon 1903, Widerspruch bildet sich, als der Vater anl\u00e4sslich des vermuteten Selbstmordes des Bruders Hans damals \u00e4u\u00dfert: \u201cUnd denk dran, Paul, dein Bruder war Linksh\u00e4nder. Die weichen oft vom rechten Wege ab\u201c (S.33).<\/p>\n<p>Dennoch ersch\u00fcttert ihn dieser Ausspruch: \u201cPaul sp\u00fcrte seinem K\u00f6rper nach, seinen Begierden, seinen Tr\u00e4umen, allem Heimlichen, Uneingestandenen. W\u00fcrde er sich ver\u00e4ndern und das Interesse an Frauen verlieren? Ein linker Hund werden, wie sein Lateinlehrer den einzigen Linksh\u00e4nder in der Klasse immer genannt hatte? Am Morgen darauf sa\u00df Paul Wittgenstein vor seiner Tastatur, au\u00dferstande, nur einen Finger zu r\u00fchren\u2026\u201c (S.182).<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck setzt Paul Wittgenstein seine Karriere als Pianist fort und kann dank vorhandener finanzieller Mittel mehrere Auftragswerke unter anderem an Paul Hindemith, Maurice Ravel, Sergej Prokofjew oder Richard Strauss erteilen.<\/p>\n<p>Als Leser erhalte ich Einblick in eine Zeit, die, wie ich finde, gepr\u00e4gt ist durch dogmatisches und prinzipientreues Denken. Eine Zeit, in der Anderssein und Abweichung von der Norm mit Vorurteilen, Ausgrenzung, wenn nicht sogar (physischer und psychischer) Gewalt begegnet wurde. Das betraf nicht nur Juden, Homosexuelle, sondern eben auch Linksh\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>Lea Singer recherchierte f\u00fcr ihr Buch mit h\u00f6chster Wahrscheinlichkeit in Werken von Wilhelm Stekel und Wilhelm Flie\u00df. Diese befassten sich in ihrer Arbeit auch mit Linksh\u00e4ndigkeit. Beide Pers\u00f6nlichkeiten hatten zu Lebzeiten sicherlich einen entscheidenden Einfluss auf die \u00f6ffentliche Meinung. Lea Singer schreibt: \u201eStekel, ein Freud-Sch\u00fcler \u00fcbrigens, hat behauptet, Links sei in Tr\u00e4umen das Symbol f\u00fcr Verbrechen und meist ein Hinweis auf Homosexualit\u00e4t, Inzest oder Perversit\u00e4t. Und Flie\u00df, dieser Halsnasenohrenarzt, mit dem Freud fr\u00fcher auch mal ganz eng war, hat die Behauptung in die Wirklichkeit \u00fcbertragen und erkl\u00e4rt, Linksh\u00e4nder fielen immer durch einen hohen Anteil von Eigenschaften des anderen Geschlechts auf\u201c (S. 181).<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang nahm ich Einblick in das 1923 von Wilhelm Flie\u00df als zweite Auflage erschienene und \u00fcberarbeite Werk \u201eDer Ablauf des Lebens. Grundlegung zur exakten Biologie.\u201c<\/p>\n<p>In diesem Buch widmet Flie\u00df ein Kapitel der Bedeutung von zweiseitiger Symmetrie und Linksh\u00e4ndigkeit. Dabei stellt er die These auf, dass also Linksh\u00e4nder Abweichungen aufweisen bez\u00fcglich des K\u00f6rperbaus, des Charakters und der Sexualit\u00e4t, da nicht nur die H\u00e4ndigkeit sondern der gesamte K\u00f6rper \u201egelinkt\u201c sei.<\/p>\n<p>Linksbetonte Menschen stellen f\u00fcr ihn eine Abweichung vom \u201erechten\u201c Charakter dar. Sie sind, wie er die \u201eheutige Nervenpathologie\u201c zitiert \u201eentartet\u201c (S. 262). \u201eLinkisch hat den Nebensinn des nicht ganz Vollwertigen\u201c (S. 262). Er stellt heraus, dass besonders viele Linksh\u00e4nder eine k\u00fcnstlerische Begabung aufweisen und schlussfolgert, \u201edie echten K\u00fcnstlernaturen sind Linkser\u201c (S, 292). Und Flie\u00df versteht, dass gerade bei K\u00fcnstlern die geschlechtlichen Abnormit\u00e4ten und Perversionen h\u00e4ufig sind\u201c (S.267).<\/p>\n<p>So bringt er auch Prostitution und Verbrechertum in den Zusammenhang mit Linksh\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>Flie\u00df stellt folgende These auf: \u201e\u2026, wo Linksh\u00e4ndigkeit vorhanden ist, auch der gegens\u00e4tzliche Geschlechtscharakter betont erscheint. Dieser Satz ist nicht nur ausnahmslos richtig, sondern gilt auch f\u00fcr die Umkehrung: wo ein Weib mann\u00e4hnlich oder ein Mann weib\u00e4hnlich ist, da findet sich eine Betonung der linken K\u00f6rperh\u00e4lfte\u201c (S.282).<\/p>\n<p>Zur Untermauerung seiner These schildert er mehr als sechzig Beispiele von linksh\u00e4ndigen Menschen, in denen er seine Erkenntnisse best\u00e4tigt sieht.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich bildet das Werk von Wilhelm Flie\u00df zum Einen, den theoretischen Hintergrund zum Denken und F\u00fchlen eines Paul Wittgensteins, sowie f\u00fcr die ihm daraus erwachsenden Konflikte bez\u00fcglich seines Daseins als K\u00fcnstler und (LINKSH\u00c4NDIG!) einarmigen Pianisten. Das macht ihn mir als Person nur allzu verst\u00e4ndlich und verdeutlicht mir den Zeitgeist zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Bezug auf Linksh\u00e4ndigkeit und den daraus resultierenden Vorurteilen. Zum Anderen sehe ich in seinen \u201ewissenschaftlichen\u201c Behauptungen \u00fcber die Eigenschaften von Linksh\u00e4ndern eine Quelle f\u00fcr die bis heute andauernden Vorurteilen gegen\u00fcber Linksh\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wilhelm Stekel (1868-1940) war ein \u00f6sterreichischer j\u00fcdischer Arzt und Psychoanalytiker. Er spielte eine bedeutende Rolle in der fr\u00fchen Geschichte der Psychoanalyse. Er unterhielt einen engen Kontakt zu Sigmund Freud, mit dem es aber sp\u00e4ter zum Bruch kam. Stekel besch\u00e4ftigte sich vor allem mit der Traumdeutung und Neurosen.<\/p>\n<p>Wilhelm Flie\u00df (1858-1928) war ein deutscher Biologe, Arzt und Sanit\u00e4tsrat mit j\u00fcdischen Wurzeln. \u201eEr schrieb 1906 eine erste Abhandlung \u00fcber eine angebliche zeitliche Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit in Erkrankung, Gesundung und Todesdatum, die er bei den Krankheitsverl\u00e4ufen seiner Patienten festzustellen glaubte.\u201c wikipedia<\/p>\n<p>Er war ebenfalls ein enger Freund und Vertrauter Sigmund Freuds. Sie entfremdeten sich jedoch zunehmend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sylvia Engel<br \/>\nErgotherapeutin<br \/>\nLinksh\u00e4nder-Beraterin zert. S-MH Konzept<br \/>\n<a href=\"mailto:sylvie.e@web.de\">sylvie.e@web.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eKonzert f\u00fcr die linke Hand. Romanbiographie \u00fcber Paul Wittgenstein (1887-1961)\u201c. Hamburg, Hoffmann und Campe 2008 und M\u00fcnchen, Dt. 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