{"id":2295,"date":"2019-01-18T10:45:25","date_gmt":"2019-01-18T09:45:25","guid":{"rendered":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/information\/musik-und-linkshaendigkeit\/quellen-und-literaturangaben-zu-musik-und-linkshaendigkeit\/rezension-musizieren-mit-links-von-walter-mengler\/"},"modified":"2019-01-18T10:51:53","modified_gmt":"2019-01-18T09:51:53","slug":"rezension-musizieren-mit-links-von-walter-mengler","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/information\/musik-und-linkshaendigkeit\/quellen-und-literaturangaben-zu-musik-und-linkshaendigkeit\/rezension-musizieren-mit-links-von-walter-mengler\/","title":{"rendered":"Rezension: Musizieren mit links von Walter Mengler"},"content":{"rendered":"<div><\/div>\n<div><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2297 alignleft\" src=\"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Musizieren_mit_links_Cover-204x300.jpg\" alt=\"\" width=\"130\" height=\"191\" srcset=\"https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Musizieren_mit_links_Cover-204x300.jpg 204w, https:\/\/lefthander-consulting.org\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Musizieren_mit_links_Cover.jpg 206w\" sizes=\"auto, (max-width: 130px) 100vw, 130px\" \/><\/div>\n<p><em>Musizieren mit links<\/em><\/p>\n<p><em>Linksh\u00e4ndiges Instrumentalspiel in Theorie und Praxis<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schott Music, Mainz, 2010<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit diesem Buch stellt erstmals jemand in ausf\u00fchrlicher Weise die Bedeutung der H\u00e4ndigkeit in Bezug auf das Spielen eines Musikinstrumentes dar. Walter Menglers Motivation f\u00fcr seine Auseinandersetzung mit dem noch immer heiklen Thema \u201eMusizieren mit links\u201c ist im Wesentlichen pers\u00f6nlich gepr\u00e4gt: Er selbst ist Linksh\u00e4nder und \u201enormal\u201c spielender Berufscellist; in seinem \u201epers\u00f6nlichen Nachwort\u201c legt er die Schwierigkeiten dar, die sein Musikerleben immer begleitet haben.<\/p>\n<p>Sein Ausgangspunkt ist die Pr\u00e4misse, dass aktives Musizieren eine das Gehirn motorisch und emotional so ungemein fordernde T\u00e4tigkeit ist, dass die Handdominanz des Musikers gerade dort Beachtung finden sollte. Da die Aufgaben der beiden Seiten bei den meisten Instrumenten sehr unterschiedlich sind, sollte der Linksh\u00e4nder die M\u00f6glichkeit haben, seitenvertauscht zu spielen \u2013 nur dann kann sich letztlich eine wirkliche Freude am Instrumentalspiel, ein \u201eWohlgef\u00fchl\u201c einstellen. Diesem Wohlgef\u00fchl gibt Mengler einen gro\u00dfen Stellenwert f\u00fcrs Musizieren \u2013 zu recht.<\/p>\n<p>Offensichtlich sind Probleme linksh\u00e4ndiger Musiker, die normal spielen, auf die Anpassung an eigentlich f\u00fcr Rechtsh\u00e4nder ausgerichtete Instrumente zur\u00fcckf\u00fchren -wie z.B. schnelle Erm\u00fcdung der rechten Seite durch zu hohen Krafteinsatz, angestrengte Bogenhaltung der rechten Hand bei Streichern und geringere Repetitionsf\u00e4higkeit (Tastenanschlag, Bogen- bzw. Zupfbewegung). Als psychische Belastung linksh\u00e4ndiger Instrumentalisten f\u00fchrt Mengler noch \u201eein grunds\u00e4tzliches Gef\u00fchl von Unsicherheit\u201c an, das sich \u201eunter Stress verst\u00e4rkt\u201c. Er h\u00e4lt fest, dass alle geschilderten Symptome \u201eindividuell verschieden\u201c auftreten, dass aber \u201e<u>alle\u201c<\/u> Linksh\u00e4nder, die auf einem Rechtsh\u00e4nderinstrument spielen \u2013 auch wenn sie dies erfolgreich und beruflich tun &#8211; \u201cihren Preis f\u00fcr die Vertauschung der Handpr\u00e4ferenz zahlen\u201c (S. 50).<\/p>\n<p>In seinem fundierten Kapitel \u201eH\u00e4ndigkeitsbezogene Analyse der Musizierpraxis\u201c betrachtet Mengler Instrumente im Hinblick auf ihre historische Spielpraxis und die Aufgaben der beiden H\u00e4nde in Bezug auf die technischen Anforderungen und den musikalischen Ausdruck. Er legt ausf\u00fchrlich dar, wie Instrumente umgestellt werden k\u00f6nnen bzw. bei welchen es schwierig oder gar unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>In einer niemals dogmatischen Art ermutigt er Lehrer zu Offenheit gegen\u00fcber linksh\u00e4ndigem Spiel (betont aber die Wichtigkeit der \u201efreien Wahl\u201c), gibt methodische Anregungen zum Ausprobieren und zum Unterrichten \u201eanders herum\u201c. Ebenso aber macht Mengler linksh\u00e4ndigen Musikern Mut, die von Anfang an normal spielen; er hat f\u00fcr diese wertvolle \u201e\u00dcbungen zum Ausgleich der Dysbalance\u201c zusammengestellt \u2013 sicherlich f\u00fcr ihn pers\u00f6nlich als Berufsmusiker wichtig; denn f\u00fcr ihn bestand beim Cellospielen immer das Problem des \u201eUngleichgewichts von beabsichtigter Wirkung und eingesetzter Kraft\u201c (S. 156).<\/p>\n<p>Beeindruckend ist, wie er das Thema \u201eLinksspielen\u201c im Orchester angeht: er geht sehr behutsam vor, indem er sagt: \u201eWenn es richtig ist, dass Linksh\u00e4nder seitenvertauscht spielen, um gesund und leistungsf\u00e4hig musizieren zu k\u00f6nnen, muss es m\u00f6glich sein, die Frage des Zusammenspiels im Orchester zu l\u00f6sen\u201c (S. 63).<\/p>\n<p>Diesen theoretischen und praktischen Ausf\u00fchrungen zum Thema \u201eMusizieren mit links\u201c stellt Mengler einen Grundlagenteil voraus, zu dem ein paar Anmerkungen zu machen sind: Da, wo es um \u201eM\u00f6gliche Folgen der Umerziehung\u201c(Kap.1.5.) geht, bezieht er sich leider wenig auf Frau Dr. Sattler und ihr Buch \u201eDer umgeschulte Linksh\u00e4nder oder der Knoten im Gehirn\u201c, obwohl er es in der Literaturliste angibt. Er erw\u00e4hnt gleich die Konsequenzen der Umschulung auf die Psyche eines Kindes (mangelndes Selbstwertgef\u00fchl, kompensatorisches Verhalten) f\u00fchrt aber z.B. nicht die feinmotorischen St\u00f6rungen an, die ja gerade in Bezug auf das Spielen eines Musikinstrumentes belastend sein k\u00f6nnen. Ebenso benutzt er die Begriffe \u201eprim\u00e4re\u201c und \u201esekund\u00e4re\u201c Folgen der Umschulung, ohne sie zu erl\u00e4utern (S. 26). Das Beispiel \u201eZeichnen mit dem Lineal\u201c ist weniger geeignet, die prim\u00e4ren oder sekund\u00e4ren Folgen der Umschulung zu verdeutlichen, als aufzuzeigen, welche Probleme ein Linksh\u00e4nder mit einem Rechtsh\u00e4nderlineal haben kann.<\/p>\n<p>Das Unterkapitel \u201eIndividuelle Umerziehung\u201c (S. 27) ist nicht ganz zu fassen; er teilt \u201edie St\u00e4rke und H\u00e4rte des Zwangs zur rechten Hand\u201c in vier Gruppen ein.<\/p>\n<p><em>Gruppe 1<\/em> ordnet er diejenigen Linksh\u00e4nder zu, die \u201enicht vors\u00e4tzlich in der Bevorzugung einer Hand beeinflusst worden sind\u201c, die aber dennoch teilweise \u201eUmerziehungsma\u00dfnahmen\u201c unterliegen, da die linke Seite in der Sprache abgewertet werde und die betroffenen sich an Rechtsh\u00e4nderger\u00e4te anpassen m\u00fcssen. Zur <em>Gruppe 2<\/em> geh\u00f6ren diejenigen Kinder \u201edie in der Schule \u201a<em>nur<\/em>\u2019 zum Schreiben, manchmal auch zum Malen und Zeichnen mit der rechten Hand gedr\u00e4ngt\u201c w\u00fcrden. Er bezeichnet dies als \u201eVariante der Umerziehung\u201c, dabei trifft dies genau den Kern dessen, was \u201eUmerziehung\u201c (bzw. \u201eUmschulung\u201c) ausmacht. Der von Frau Dr. Sattler gepr\u00e4gte Begriff der \u201eUmschulung\u201c bezieht sich ja im Wesentlichen auf das Schreiben, weil diese T\u00e4tigkeit aufgrund ihrer Komplexit\u00e4t eine massive St\u00f6rung der Gehirnprozesse und eine Folge von komplexen St\u00f6rungen nach sich zieht.<\/p>\n<p>In der <em>Gruppe 3<\/em> nennt Mengler die Kinder, die fr\u00fch von ihren Eltern zur gesellschaftlichen Anpassung in Bezug auf Essen und Handgeben gesteuert wurden, was bei den Kindern zu Gef\u00fchlskonflikten f\u00fchre. Entscheidender ist meiner Meinung nach, die Folgen zu betrachten: Kinder, die zum Essen mit der rechten Hand \u201egezwungen\u201c werden, werden wom\u00f6glich auch die rechte Hand zum Malen und dann zum Schreiben nehmen. Und dann sind die wirklichen Probleme vorprogrammiert. Ein Unlustgef\u00fchl, was die Nahrungsaufnahme mit der \u201efalschen Hand\u201c hervorrufe, scheint mir nicht so gravierend.<\/p>\n<p>Die <em>Gruppe 4<\/em> umfasst die \u201eh\u00e4rteste, inzwischen nicht mehr allzu h\u00e4ufige Variante\u201c des Versuchs \u201eder konsequenten Umerziehung von links auf rechts mit allen Mitteln\u201c (S. 28). Hier kann man sich fragen, wie so etwas vonstatten geht \u2013 von au\u00dfen. Eher beobachte ich, dass Kinder selbst sich aufgrund von \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen oder Verbundenheit mit ihrer rechtsh\u00e4ndigen Familie es sich zum Vorsatz machen, das rechts \u201erichtig\u201c sei.<\/p>\n<p>Mengler h\u00e4tte im Zusammenhang mit dem Thema \u201eUmschulung\u201c (bzw. \u201eUmerziehung\u201c) darauf hinweisen sollen, dass, ganz gleich ob ein Kind sanft oder mit Gewalt von au\u00dfen zur rechten Hand gebracht wird, ob es sich anpasst oder nachahmt, weil es dazugeh\u00f6ren will: der Eingriff ins Gehirn ist immer gravierend und die Folgen sind es auch \u2013 wenn die Umschulung T\u00e4tigkeiten betrifft, die das Gehirn stark fordern. Und dies l\u00e4sst sich auf das Spielen eines Musikinstrumentes \u00fcbertragen \u2013 hier liegt ja eine noch komplexere T\u00e4tigkeit vor als beim Schreiben.<\/p>\n<p>In seinem Grundlagen-Kapitel im Unterpunkt \u201eLateralit\u00e4t des Gehirns, Motorik und Denkweise \u201e stellt Mengler zwar ausf\u00fchrlich die Asymmetrie der beiden Gehirnh\u00e4lften in Bezug auf ihre \u201eDenkweisen\u201c dar (S. 30f.), es wird aber nicht klar, dass Dominanz einer Hand die \u00dcberlegenheit einer Gehirnh\u00e4lfte in Bezug auf die <strong>motorischen und sensorischen<\/strong> Verarbeitungszentren bedeutet. (Sattler, Knoten S. 42f.). Eine Anmerkung noch zum Unterpunkt \u201eLeistungstests\u201c im Kapitel \u201eH\u00e4ndigkeit und wissenschaftliche Forschung\u201c: Es ist m.E. nicht ganz deutlich, wie weit man die Untersuchungsmethode des \u201eFinger-Tapping\u201c, die Schnelligkeit misst, auf die Fingerbewegungen beim Instrumentalspiel \u00fcbertragen kann (S. 42).<\/p>\n<p>F\u00fcr uns als Linksh\u00e4nderberaterinnen nach Methodik Dr. Sattler gibt es in den ersten Kapiteln von Menglers Buch einige Unstimmigkeiten \u2013 das sollte festgehalten werden. Im weiteren Verlauf des Buches, wo es um die Bedeutung der Handdominanz f\u00fcr das Musizieren und die verschiedenen Instrumente in ihrer Spielweise geht, zeigt er gr\u00fcndliche Arbeit und gro\u00dfe Kompetenz. Insgesamt ist somit das Buch f\u00fcr Musiker, Musikp\u00e4dagogen und Eltern ein \u00fcberaus wertvoller Ratgeber, zumal Mengler dem Leser nicht etwas \u00fcberst\u00fclpen will, sondern das Thema sachlich und vorsichtig, verschiedene Argumente beleuchtend, angeht \u2013 und das in einem niemals verbissenen, sondern eher lockeren, erfrischenden Stil. Sehr angemessen finde ich sein Res\u00fcmee: \u201eDer Zug des Spielens mit der dominanten Hand ist angefahren. Wie schnell er sich jedoch bewegen wird, l\u00e4sst sich nicht vorhersagen, anhalten l\u00e4sst er sich aber nicht mehr\u201c (S. 154f.).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Andrea Arnoldussen<br \/>\nMusikwissenschaftlerin<br \/>\nLinksh\u00e4nder-Beraterin zert. S-MH Konzept<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musizieren mit links Linksh\u00e4ndiges Instrumentalspiel in Theorie und Praxis &nbsp; Schott Music, Mainz, 2010 &nbsp; Mit diesem Buch stellt erstmals jemand in ausf\u00fchrlicher Weise die Bedeutung der H\u00e4ndigkeit in Bezug auf das Spielen eines Musikinstrumentes dar. Walter Menglers Motivation f\u00fcr seine Auseinandersetzung mit dem noch immer heiklen Thema \u201eMusizieren mit links\u201c ist im Wesentlichen pers\u00f6nlich gepr\u00e4gt: Er selbst ist Linksh\u00e4nder und \u201enormal\u201c spielender Berufscellist; in seinem \u201epers\u00f6nlichen Nachwort\u201c legt er die Schwierigkeiten dar, die sein Musikerleben immer begleitet haben. Sein Ausgangspunkt ist die Pr\u00e4misse, dass aktives Musizieren eine das Gehirn motorisch und emotional so ungemein fordernde T\u00e4tigkeit ist, dass die Handdominanz des Musikers gerade dort Beachtung finden sollte. Da die Aufgaben der beiden Seiten bei den meisten Instrumenten sehr unterschiedlich sind, sollte der Linksh\u00e4nder die M\u00f6glichkeit haben, seitenvertauscht zu spielen \u2013 nur dann kann sich letztlich eine wirkliche Freude am Instrumentalspiel, ein \u201eWohlgef\u00fchl\u201c einstellen. 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