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Professor Dr. Kurt Müller

Vorwort zum Buch

Links und Rechts in der Wahrnehmung des Menschen

Zur Geschichte der Linkshändigkeit

von Dr. Johanna Barbara Sattler, Auer Verlag, Donauwörth, 2000


Alltäglich stellen sich uns Fragen, die wir längst von der Wissenschaft beantwortet wähnten. Viele sind allerdings trivial, andere hingegen sollten uns nachdenklich machen. Weshalb z.B. erscheinen Sonne und Mond am Horizont größer als im Zenit, und warum überschätzen wir vertikale Gebilde, also z.B. Türme in ihrer Ausdehnung gegenüber horizontalen Erstreckungen. Die Wahrnehmungsforschung erkennt in diesen Täuschungen, dass unser visueller Wahrnehmungsraum "anisotrop" ist, d.h. dass die verschiedenen Dimensionen des Sehfeldes verschiedene Metrik besitzen.

Aber was hat diese Unausgewogenheit in unserer Wahrnehmungswelt mit der Ungleichheit z.B. in der Feinmotorik unserer Hände zu tun? Nun, Wahrnehmung und Motorik der Hände gründen sich beide auf Vorgänge im Gehirn, und dieses ist, wie auch unser ganzer Körper, alles andere als ausgewogen, symmetrisch oder harmonisch, weder anatomisch noch funktional. Ungleichheit, gestörte Symmetrie, anatomische und funktionale Bevorzugungen oder Benachteiligungen scheinen nun einmal Lebensvorgänge zu kennzeichnen. Die Natur ist in ihrem Streben nach Vollkommenheit besonders bei ihren kompliziertesten Geschöpfen nicht immer an ihr Ziel gelangt.

Ungleiche Seitigkeit ist in der Natur "angelegt". Das gilt es zu bedenken, denn jedes "Angelegte" leistet Widerstand gegen jeden Versuch, es zu beseitigen oder zu verändern, und Reaktionen sind umso heftiger und nachhaltiger, je mehr Gewalt bei diesem Versuch im Spiel ist.

Das ist der Grundgedanke, der dieses Buch beherrscht und der die pädagogischen Anliegen und Ziele der Autorin bestimmt.

Bemerkenswert ist, dass Frau Dr. Sattler auf höchst interessantem "Umweg" zu ihrem eigentlichen Ziel gelangt ist. Die approbierte Psychotherapeutin und Kunstwissenschaftlerin befasste sich mit räumlichen Ordnungsstrukturen, Ausrichtungen, Seitigkeiten, Unausgewogenheiten in Gemälden, Plastiken und Bauwerken. Ihre Analysen, besonders des Problems der Seitenverkehrung bei Grafiken und der Seitengewichtung romanischer Tympana burgundischer Kathedralen hatten mich als Wahrnehmumgspsychologen sehr beeindruckt. Es ist schon immer kein Nachteil gewesen, wenn man sich rein praktischen Themen aus ungewohnter theoretischer Richtung nähert.

Ästhetischen und pädagogischen Problemen ist gemein, dass sie von Werturteilen (schön, hässlich, geschickt, linkisch, usw.) bestimmt sind. Niemand nimmt daran Anstoß, dass das Herz links schlägt, die Leber sich auf der rechten Seite des Körpers befindet; aber bei der Händigkeit eines Kindes endet oft die Akzeptanz und links gilt als falsch, rechts als richtig. Neutrale, wertfreie Lage- und Richtungsbezeichnungen werden plötzlich zu positiven oder negativen Eigenschaften. Aber diese Wertakzentuierung bleibt nicht auf die Händigkeit eines Menschen beschränkt. Links-Rechts gewinnt symbolische, mythologische, religiöse Bedeutung, charakterisiert politische Einstellungen und auch Persönlichkeitseigenschaften.

Wir haben also ein weites und vielschichtiges Problem vor uns. Wer sich mit ihm als Forscher und Erzieher befasst, muss Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen, die zusammengenommen nur selten bei einer Person anzutreffen sind. Frau Dr. Sattler verfügt über Sachkenntnis und pädagogische Erfahrung gleichermaßen, und da diese durch eine gute schriftstellerische Begabung ergänzt werden, darf der Leser dieses Buches mit Recht erwarten, dass ihm nicht nur sachliche Belehrung, sondern auch ein wirkliches Lesevergnügen bevorstehen.
 
 

Prof. Dr. Kurt Müller

Professor (em.) der Psychologie und Philosophie
der Ludwig-Maximilians-Universität München
 
 

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